Dr. Jan Groeneveld

Dr. Jan Groeneveld

Rückblick auf einen überragenden Naturwissenschaftler. „Schulerinnerungen, insbesondere an einstige Lehrer, verblassen in der Regel nicht. Und so ist mir der Oberstudienrat Dr. Jan Groeneveld mit den Unterrichtsfächern Mathematik und Physik in nachhaltiger Erinnerung. Diese Erinnerung ist überdies dokumentiert, denn ich besitze noch Klassenarbeitshefte in Mathematik aus den Schuljahren 1951/1952 und 1953/1954 der Klassen 6 und 7. Sie wurden von Dr. Groeneveld wie üblich mit roter Tinte benotet und auch die Verbesserungen von ihm durchgesehen.

Herrn Dr. Groeneveld war ein bemerkenswerter Mann und ein Wissenschaftler, der als Fachlehrer des Ratsgymnasiums im letzten Jahrhundert innerhalb des Lehrerkollegiums nichts seinesgleichen hatte. Seine geistige Größe, von Statur war er recht klein, ahnten wir Schüler eher nebulös. Als Person hatte er seine Eigenheiten. Die Schüler nahmen seine Schrulligkeit und Eitelkeit wahr und fürchteten die von ihm an uns gestellten Anforderungen. Der Aufruf, sich an der Wandtafel rechnerisch zu „beweisen“, löste bei den Schülern Angstzustände aus. Beschämt und abgekanzelt schlichen wir auf den Platz zurück, nachdem bei Versagen unsere Unfähigkeit vor allen Augen offenbar wurde. Als sein bleibendes Verdienst soll angemerkt werden, dass wir dank ihm das Kopfrechnen alltagstauglich beherrschten und Dr. Groeneveld Rechenoperationen verständlich erklären konnte. Selbstredend war Dr. Groeneveld im Schuldienst maßlos unterfordert. Das dürfte auf sein Auftreten abgefärbt haben.

Sein wissenschaftlicher Werdegang verlief achtunggebietend. Im Jahre 1899 in Ostfriesland geboren und der weitverbreitendeten Sippe der Groenevelds mit eigenem Familienwappen zugehörig wurde er 1924 in Göttingen in Mathematik promoviert. Die unveröffentlichte Dissertation hatte den Titel „Neue Verwendung der Planimeter“. Ein Planimeter ist ein mechanisches Messgerät zur Ermittlung beliebiger Flächeninhalte in Landkarten und Zeichnungen, mithin ein nützliches Messinstrument. Den heutigen Zeitgenossen ist kaum bewusst, dass in dieser Zeit die Universität Göttingen auf höchstem Niveau forschte und lehrte und als ein Weltzentrum für Mathematik und Physik galt. Dr. Groeneveld verschmähte nicht die Praxis und war Mitautor eines Schullehrbuches für Physik. Sein Spezialgebiet waren Staubfiguren (u.a. Ermittlung der Schallgeschwindigkeit in festen Stoffen), mit denen er auch am Ratsgymnasium experimentierte. An der TU Braunschweig gehörte er dem dortigen Lehrkörper an und unterrichtete als Privatdozent seit den 30er Jahren angewandte Mathematik. Kurzzeitig leitete Dr. Groeneveld in Braunschweig das jetzige Institut für Flugzeugbau und Leichtbau. Die Universität würdigte ihn nach dem 2. Weltkriege und verlieh ihm den Dr. h.c. Dr. Groeneveld verstarb 1971 in Peine während einer seiner regelmäßig unternommenen Spaziergänge. Wie lautete die Quintessenz von Dr. Groenevelds Wirken? Er war eliteorientiert und verlangte vornehmlich den Schülern des naturwissenschaftlichen Zweiges Höchstleistungen ab, denn wie sollte sich seiner Meinung nach sonst Deutschland unter den Nationen behaupten? Seine Maxime mag vielen überspannt erscheinen, verkehrt ist sie jedenfalls nicht. Ein Vorbild ist Dr. Groeneveld allemal."

Dr. Erhard Glogowski, Abiturjahrgang 1960

Anmerkung:

Diese Würdigung seines ehemaligen Lehrers hat uns Herr Dr. Erhard Glogowski (Abitur am Ratsgymnasium 1960) geschickt. Schülerinnen und Schüler, die – z.B. im Rahmen eines Seminarfach-Projekts – Interesse daran haben, das Wirken von Herrn Dr. Groeneveld am Ratsgymnasium aufzuarbeiten und zu dokumentieren, können sich gerne bei mir melden.

Wolfram Bartsch, Oberstufen-Koordinator

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